Leipziger Eishockey-Geschichte(n): Bandy vs. „kanadisches Eishockey“

Nachdem in den ersten beiden Folgen unseres Blicks in die Geschichte auf die Pioniere des Eishockeysports und auf die Gründung des ersten Eishockeyvereins in Leipzig geblickt wurde, soll nun die weitere Entwicklung in Deutschland und Leipzig beleuchtet werden.

Nicht nur in unserer Stadt, sondern in ganz Deutschland konnte sich Eishockey als eine der beliebtesten Mannschaftssportarten Stück für Stück durchsetzen. Mit ein Grund dafür war auch die Erfindung der Kunsteisbahn, die dafür sorgte, dass unabhängig von der natürlichen Vereisung geeigneter Flächen der Sport betrieben werden konnte. Die erste deutsche Kunsteisbahn (und dritte der Welt nach London und New York) wurde bereits 1881 in Frankfurt/Main eröffnet. Sie blieb allerdings nur drei Monate in Betrieb. 1910 folgte mit dem Sportpalast in Berlin eine weitere Kunsteisfläche, Stadien u.a. in München und Garmisch-Partenkirchen entstanden in den folgenden Jahrzehnten. Vorwiegend wurde aber weiterhin auf Natureisflächen gespielt.

In der Zeit der Jahrhundertwende und danach herrschte noch „Bandy“ – das „Eishockey mit dem Ball“ vor, das auch heute noch in einigen Ländern betrieben und auf größeren Flächen gespielt wird. Nach und nach setzte sich jedoch die kanadische Variante des Eishockeys durch. Obwohl verbandsseitig bereits 1909 beschlossen wurde, Eishockey in Deutschland nur noch mit einer Scheibe zu spielen, blieb man vielerorts, so auch in Leipzig, bis in die 1920er Jahre beim Bandy. Das Beharren auf dieser Spielvariante sorgte dafür, dass die Leipziger ihre damalige sportliche Spitzenstellung nicht durch nationale Titelgewinne unter Beweis stellen konnten. An der ersten Deutschen Meisterschaft 1912, bei der „kanadisches Eishockey“ gespielt werden sollte, nahmen sie als damals beste Mannschaft einfach nicht teil. Auch in den Folgejahren blieb der Leipziger SC beim Bandy und entschloss sich erst 1926 an der Deutschen Meisterschaft teilzunehmen, wo man Sechster und damit Letzter wurde. Die späte Entscheidung, sich von Bandy zu verabschieden und „richtiges“ Eishockey zu spielen, sorgte auch dafür, dass man Leipziger Spieler in den deutschen Nationalmannschaften der ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts vergeblich sucht. Diese kamen vor allem aus Berlin und Bayern. Die erste WM mit deutscher Beteiligung fand 1928 in St. Moritz statt, bei Olympia 1932 in Lake Placid wurde Deutschland Dritter.

Zurück nach Leipzig: Der 1901 gegründete Leipziger Sport-Club blieb nicht der einzige Eishockeyverein in unserer Stadt, so dass man erstmals 1912 eine Leipziger Stadtmeisterschaft austrug. Der LSC als bestes Team wurde jedoch aufgrund seiner Übermächtigkeit davon ausgeschlossen. Ironischerweise gewann die 2. Mannschaft des LSC die Meisterschaftspremiere. Der Leipziger Sport-Club war hingegen international sehr erfolgreich. Man wurde 1908 Meister von Österreich-Ungarn, gewann Pokale in Norwegen und siegte bei Turnieren und Spielen in der Schweiz und Russland, was sogar in der internationalen Sportpresse Berücksichtigung fand. Daheim in Leipzig war der Spielbetrieb oftmals vom Wetter abhängig. Anfang der 1920er Jahre konnte aufgrund der milden Winter so gut wie kein Spiel absolviert werden.

Andere Leipziger Vereine, die vor rund 100 Jahren Eishockeysport betrieben, waren unter anderem RC Sport, der Leipziger Ballspiel-Club, der VfB Leipzig und der TC Rot-Weiß Leipzig. Rot-Weiß war übrigens jener Verein, der mit dafür sorgte, dass man auch in Leipzig vom Bandy zum kanadischen Eishockey wechselte. Bei der Sachsenmeisterschaft 1931 wurde Rot-Weiß Leipzig Zweiter, im Jahr darauf bei der mitteldeutschen Meisterschaft Dritter. Diese Entwicklung wurde mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten jäh gestoppt, da es sich beim TC Rot-Weiß um einen jüdischen Verein handelte, der ab 1934 von der Teilnahme an Wettbewerben ausgeschlossen wurde. Überhaupt war dieses dunkle Kapitel in der deutschen Geschichte einer Zäsur auch für den Eishockeysport. Mit Beginn des zweiten Weltkrieges wurden viele Spieler eingezogen und gespielt wurde nur noch von Jugendlichen und so genannten „Fronturlaubern“ in zusammengewürfelten Mannschaften. Mit solchen, aus der Not heraus entstandenen, Teams wurde man von 1940 bis 1942 jeweils Dritter der sächsischen „Kriegsmeisterschaften“.

Blickt man auf die ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts muss man konstatieren, dass trotz guter Voraussetzungen (mit Blick auf die Vereine und Spieler) die eine oder andere Chance verpasst wurde. Das lange Beharren auf dem sportlichen „Auslaufmodell“ Bandy nahm den Leipziger Spielern wohl die Chance, bei großen Turnieren, wie Weltmeisterschaften und Olympischen Turnieren für das deutsche Eishockey-Nationalteam aufzulaufen. Und durch das Fehlen einer Kunsteisfläche war man wetterabhängiger als an anderen Standorten wie Berlin oder München, was die Entwicklung des Sports ebenfalls hemmte.

Foto: Archiv Sportmuseum Leipzig